Eine Ess-Geschichte (1): Nur wer das Ziel kennt, findet den Weg aus der Magersucht

Aktualisiert: 8. Sept 2019

Tanja* ist schon seit mehr als 1,5 Jahren bei mir in der Ernährungstherapie. Als sie das erste Mal zu mir kommt, trägt sie schlabberige Jogginghosen, ein langärmliges T-Shirt und ein Base-Cap. Sie sieht ängstlich und zugleich abweisend aus und wippt während der ganzen 60 Minuten unseres Gesprächs ununterbrochen mit den Beinen. Ihr Freund begleitet sie, spricht ihr Mut zu, stellt Fragen nach meinen Methoden und den Erfolgsaussichten, versucht zu verstehen, was seine Freundin dazu gebracht hat, sich immer mehr auf ihr Essen zu fixieren und das gemeinsame Leben nur noch innerhalb der eigenen vier Wände stattfinden zu lassen.


Tanja wiegt zu dem Zeitpunkt 42 kg. Diagnose Magersucht. Sie zelebriert ihr Essen, isst große Mengen, weiß ganz genau, wie viele Kalorien ihr Abendessen hat. Ihr Abendessen ist ein großer Salat, bestehend aus 500g rohen Champignons, viel Blattsalat und etwas Light-Ketchup. Er muss immer um die gleiche Zeit zubereitet werden. Tanja lässt sich viel Zeit beim Essen. Meistens ist dieser Salat ihre einzige Mahlzeit am Tag.


Tanjas Motivation, doch etwas verändern zu wollen, ist die Angst, dass ihr Freund nach vielen Jahren des gemeinsamen Lebens und Leidens sie verlassen könnte, wenn sie es nicht endlich schafft, Gewicht zuzunehmen. Tanja ist bereits über 30, möchte eine Familie und Kinder. Mit Untergewicht, so weiß sie, ist dies nur schwer zu realisieren. Tanja war mal eine schöne Frau, so erzählt sie. Damals, als sie noch 55 kg gewogen hat. Ab und zu betrachtet sie ein Foto von sich im Bikini während eines Mallorca-Urlaubs. Da möchte sie wieder hin, hin zu glücklichen Tagen. Mittlerweile hat sie aber Angst davor, dass sie, wenn sie einmal damit beginnt, zuzunehmen, sie nicht mehr damit aufhören wird.


Wir beginnen mit der Arbeit, berechnen Tagespläne, bereiten gemeinsam Dipps und Salatsoßen zu, verbannen die Light-Produkte aus dem Essensplan, reden über Motivation, über den inneren Antrieb, machen Achtsamkeits- und Genussübungen.

Tanja sagt, sie kaufe sich ab und zu Postkarten mit Sprüchen drauf, die sie ermutigen, ihr Leben zu verändern.


Nach einem halben Jahr wiegt Tanja fast 48 kg. Sie isst täglich zwischen 2800 und 3000 kcal und hat festgestellt, dass das Zunehmen doch gar nicht so schnell geht wie gedacht. Bis zum Geburtstag ihres Freundes in ein paar Wochen will sie die 50 kg schaffen. Das treibt sie an. Sie war beim Frisör, trägt kein Base-Cap mehr und hat den ständigen Bewegungsdrang gut im Griff. Während unserer Termine zappelt sie kaum noch mit den Beinen. Sie hat es geschafft, ihr ritualisiertes Abendessen immer öfter gegen eine spontane Pizza beim Italiener oder ein selbstgekochtes Abendessen bei Freunden einzutauschen. Es geht ihr wesentlich besser mit mehr Gewicht. Sie ist entspannter, ausgeglichener geworden. Da sie aufgrund ihrer Krankheit nicht mehr arbeitet, verbringt sie viel Zeit damit, nach einem gemeinsamen Haus für sich und ihren Freund zu suchen.


Tanja hat ihr Ziel mit den 50 kg nicht rechtzeitig geschafft. Der Freund hatte Geburtstag. Er macht mittlerweile eine Diät, weil er so viel zugenommen hat. Sie essen und kochen nur noch selten zusammen.


Kurz vor Ende des Jahres trennt sich ihr Freund von Tanja.


Tanja muss sich eine neue Wohnung suchen, steht Schlange mit vielen anderen Wohnungssuchenden. Sie sucht sich einen Job, denn sie braucht eine Aufgabe. Den neuen Kollegen erzählt sie, sie leide an einer Stoffwechselstörung und sei deshalb so dünn. Die neue Situation ist aufwühlend. Vor lauter Organisieren, Umziehen, Einrichten und Einarbeiten vergisst Tanja immer öfter das Essen. Die Abstände zwischen unseren Terminen werden länger, Tanja muss häufig unseren Termin verschieben. Die Arbeit, der Umzug, der Stress.


Sie bemerkt irgendwann, dass sie abgenommen hat. 44 kg. Ein Schicksalsschlag in der Familie bringt sie zum Umdenken. Für das Kind ihrer Schwester, dem das Leben in dieser Welt verwehrt wurde, will sie gesund werden. Sie ist optimistisch, trotz der großen Traurigkeit um sie herum.


Der Sommer geht vorbei. Wir treffen uns endlich im September wieder. Tanja hat in den letzten drei Monaten wieder ein bisschen zugenommen, ist aber noch ein ganzes Stück von der 50kg-Marke entfernt. Sie hat immer noch Kontakt zu ihrem Ex-Freund, kann nicht loslassen. Er ist für sie der perfekte Mann. Ihrem neuen Chef hat sie von ihrer Krankheit erzählt, und auch einige Kollegen wissen jetzt Bescheid. Ein Klinikaufenthalt ist für sie keine Option, zu schwer wiegen die Erinnerungen an das dort erlebte "Bestrafungs-System". Tanja sieht schick aus. Sie trägt keine Jogginghosen mehr, sondern "Business-Kleidung". Das Wippen ist fast vollständig weg. Ihr Gesicht ist immer noch sehr schmal.


Dann fließen die Tränen. Tanja hat ihre Perspektive verloren. Sie belügt sich selbst, wirft immer öfter Teile ihres Essens weg, um nicht die vereinbarten 2600 kcal essen zu müssen. Sie hadert mit sich und der Welt, fragt sich, warum es ihr verwehrt bleibt, eine glückliche Familie zu haben. Sie, die doch immer die hübscheste aus ihrer Clique war. Auch ihr Vater sagt, sie habe ihre Beziehung "vor die Wand gefahren". Tanja ist einsam. Ein Sportverein ist keine Option, da sie durch mehr Sport zu viel Energie verbrennen würde. Kreative oder musische Hobbys hat sie nicht. Sie hat wieder damit angefangen, ihr Abendessen zu zelebrieren. Sie isst es allein in ihrer neu eingerichteten Wohnung, Sie geht nach der Arbeit kaum noch vor die Tür.


Nur wer das Ziel kennt
findet den Weg.‘
Laotse

Tanja weiß, dass sie ein neues Ziel braucht, sie weiß nicht wohin mit sich und verliert sich in Selbstzweifeln. Sie hört so häufig, dass sie doch einfach nur essen muss. Sie weiß, dass es so einfach sein könnte, aber der Kopf spielt ihr einen Streich.


Ihr neues Ziel soll sein, endlich gesund zu werden! Wir vereinbaren, dass sie ab sofort jeden Tag die Spiegelübung macht, sich vor den Spiegel stellt und sagt, dass sie okay ist und sich gern hat. Tanja wird nun jeden Tag aufschreiben, was ihr an schönen Dingen an diesem Tag passiert ist, ein nettes Gespräch, eine gute Nachricht, ein Lächeln. Sie will sich einen Psychotherapeuten suchen, zu dem sie einen guten Draht hat und sich öffnen kann. Sie hat mit ihrem Chef einen Tag in der Woche Homeoffice vereinbart, damit sie flexibel ihre Termine beim Therapeuten und zur Ernährungstherapie wahrnehmen kann.


Tanja hat noch einen Weg vor sich. Tanja hat noch viele Optionen, in diesem Leben glücklich zu sein. Sie muss jetzt den nächsten Schritt wagen und JA zu sich selbst und zu diesem Leben sagen.


Eine Essstörung ist häufig begleitet von vielen Selbstzweifeln bis hin zu Selbsthass. Sein Ziel und seine Motivation zu kennen, ist ein großer Schritt in die richtige Richtung.

*Tanja gibt es wirklich. Sie heißt aber natürlich anders.


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letzte Aktualisierung: 26.8.2020