top of page
  • AutorenbildNicole Hoenig

Ess-Geschichte (2): "Ich möchte mir Gutes tun und fröhlich sein‘ - Mein Weg aus der Essstörung

Aktualisiert: 3. Nov. 2022

Ein Brief aus der Klinik


Heute habe ich einen Brief von einer Klientin bekommen, über den ich mich sehr gefreut habe, weil es 1. selten ist, dass man heutzutage einen handgeschriebenen Brief bekommt, und 2. weil dieser Brief sehr schön den Weg einer mutigen Frau raus aus der Essstörung beschreibt.


Julia (*Name geändert) lebt seit Jahren mit einer Essstörung. Sie hat versucht, sich mit Hilfe einer ambulanten Therapie damit zu arrangieren. Ihr Ziel war es von Anfang an nicht, die Essstörung jemals loszuwerden, sondern irgendwie damit leben zu können. Auf diesem Weg hat sie bereits einige Schicksalsschläge erleiden müssen, hat ihren Job als erfolgreiche Business-Frau aus gesundheitlichen Gründen aufgeben müssen und ihren geliebten Hund verloren. Vor 6 Wochen ist Julia mit massivem Untergewicht und Herzbeschwerden in eine Klinik eingewiesen worden. Und nachdem sie sich anfangs gesträubt hatte, dort wirklich zu bleiben, beschreibt sie nun ihren Weg der Genesung, der endlich, endlich begonnen hat.


Julia hat mir die Erlaubnis gegeben, Auszüge aus ihrem Brief hier zu teilen, damit auch andere Menschen mit Essstörungen motiviert werden, nicht aufzugeben und sich Hilfe zu suchen!



"Mein Weg der Genesung dauert nunmehr 6 Wochen an. Am 25.6. hielt ich es für dermaßen ausgeschlossen, je ein Leben ohne Anorexie zu leben. Habe mich innerlich körperlich und nach außen vehement dagegen gewehrt, überhaupt in diese Richtung zu sehen. Na ja. Ein klitzekleiner Teil meiner puren Verzweiflung bestimmt schon. Dennoch kann ich jetzt behaupten, dass ich im Gewichtsbereich unter BMI 15 nicht fähig war, realistisch zu denken.


Emotionen eingefroren, die Angst vor surrealen Geschehnissen in Träumen, die tägliche Tortur des Selbstbeschisses, der Selbstverachtung und der Schwung meines Talentes, die Welt trotz Dunkelheit im pinken Scheinwerferlicht PLUS Glitzerregen zu sehen, haben jeden Tag bestimmt.


Und was die Therapeuten hier in den Aufnahmegesprächen gesäuselt, prophezeit und beurteilt haben, war so fern meines Verständnisses, dass gerade in den ersten Tagen hier die Essstörung mit Leuchtreklame und Megaphon alles gegeben hat, um zu rebellieren. Und wahrscheinlich hat meine Gedankenwelt noch immer nicht ausreichend Futter bekommen, um mich aus mir selbst heraus strahlen zu lassen.


Dennoch erscheint es mir fassbarer. Ich spüre nach einigen Tagen voller Gefühlsausbrüche, Tränenschwälle, hilflosen Heul- und Verzweiflungsstrategien einen so unfassbar großen Wunsch, mich selbst lieb zu haben. Es ist Wahnsinn. Und wunderschön. ICH finde mich in diesem Gefühl, diesem sehnsüchtigen Bedürfnis wunderschön und richtig, stark, zuversichtlich, freundlich, sanftmütig, wohlwollend. Ich möchte mir Gutes tun und fröhlich sein. Möchte mir ein Leben basteln, von dem ich erst jetzt wirklich die Vorstellungskraft habe.



Frau voller Zuversicht
"Ich möchte mir ein Leben basteln, von dem ich erst jetzt wirklich die Vorstellungskraft habe." (Bild: Canva Pty Ltd)


Und wahrscheinlich ist es lang nicht das Ende dieses jetzt schon gefühlten Energie- (meiner Gedanken) Stroms. Denn noch immer merke ich kleine körperliche Schwächen, geistige Aussetzer und Erschöpfungsmomente. Spüre Zweifel und solche "Denkste"-Situationen, die aufklappen oder mich bremsen, weiterzumachen.


Was zudem (noch) sehr schwer fällt, sind die körperlichen Veränderungen. Schließlich habe ich mir bereits 4 Kilogramm "Lebenskraft" angefuttert. Und wissen Sie, was ich trotzdem kann? GENIESSEN! Ich schmecke die Sachen, die ich zu mir nehme, merke und lächle auch noch nach den Mahlzeiten.


Wie bombastisch es sich innerlich anfühlt, dass ich es schaffe, die anorektische Stimme auszublenden, wegzustummen, zur Ruhe zu bringen.
Immer ein bisschen mehr, immer wieder ein bisschen häufiger.

Was auch unbeschreiblich gut in meiner Serotonin-Produktion für Antrieb wirkt, sind die vielen Lebensmittel und -zusammenstellungen, die ich zum ersten Mal seit Geburt der Magersucht wieder esse. Manchmal weiß ich gar nicht, ob ich Pizza überhaupt schon einmal gegessen habe. So richtig meine ich. Ohne Runterkratzen von Käse, "Fettabsaugen" mittels Küchenpapier oder Abwiegen des Stückes.

Es gibt so unzählige weitere Dinge, die nicht mehr kämpfen müssen, die in meinem kulinarischen Universum herzlich willkommen sind - Brot, Käse, Sauce, Sahne, Kuchen.

Man stelle sich das vor!

Ich bin so unendlich glücklich darüber.

MACHEN. TUN. HANDELN.

Trotz gefühlter Lähmung all der Hirnregionen, die die Anorexie noch in ihrer Macht zu haben denkt. Oder denkt, regieren zu können. Denn sobald meine Geschmacksknospen realisieren, welche Party gerade zu beginnen scheint, wenn Frühstücks., Mittags- oder Abendessenkomponenten auf meiner Zunge landen, ist es ganz leicht zu spüren, zuzulassen, zu genießen.

Mit dem Gedanken und in dem Gedanken, wieder ein Stück weiter Richtung Heilung zu laufen.


Ich möchte bis zum Ende gehen.

Ich möchte das Vertrauen, das mir entgegengebracht wird, weiter nutzen, um gesund zu werden."



"Ich möchte bis zum Ende gehen. Ich möchte gesund werden." Bild: Canva Pty Ltd

 

Wenn Du von einer Essstörung betroffen bist, hole Dir Hilfe in der professionellen Ernährungstherapie und im Coaching. Ich gebe Dir Unterstützung zum Alltag mit einer Essstörung und Hilfestellung nach der Entlassung aus der Klinik.

HIER gibt es mehr Infos dazu.


Komm auch gerne in meinen Frauenkreis "Ja zum Leben - Ja zum Essen", der zusätzlich zur Ernährungstherapie tiefergehende Impulse bietet und dazu einlädt, vom Denken wieder ins Fühlen zu kommen. Mit inspirierenden Geschichten, Meditationen und Erfahrungsberichten.


Mehr Infos und Termine:




179 Ansichten0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen
bottom of page